Aus OLDTIMER PRAXIS 10/91

Das Beste aus 40 Jahren – Stars & Sternchen

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Werfen Sie mit uns anlässlich der Jubiläen von OLDTIMER MARKT (40 Jahre) und OLDTIMER PRAXIS (30 Jahre) einen Blick zurück auf die schönsten Geschichten aus beiden Magazinen! Diesmal gehen wir zurück in die Anfangsjahre von OLDTIMER PRAXIS, genauer gesagt ins Jahr 1991: Horst Stümpfig und Thomas Distler erzählen von ihrer aberwitzigen Mercedes-Odyssee in Amerika.

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Unbegrenzte Möglichkeiten

Teil 1: In Kalifornien kauft man spritgierige Flossentiere, abgenudelte Dritthand-Corvetten, überteuerte 356er. Thumbe Teutonen werden in sengender Sonne von raffinierten Verkaufsprofis über den Tisch gezogen - das böse Erwachen droht erst im Heimathafen. Soweit die üblichen Vorurteile von Deutschlands Biertischen: Es folgen die Erfahrungen zweier Mercedes-Fans, die den Praxistes wagten.

Wir konnten es noch nicht so recht glauben: Nach 14 Stunden Flugzeit war es soweit. Amerika! Thomas und ich landeten in Los Angeles. Nach drei Stunden Zoll, übernächtigt und mit müden Knochen, machten wir uns auf die Suche nach einem Leihwagen. Innerhalb des Flughafengebäudes war nichts zu finden. Kein Hinweis. So versuchten wir es außerhalb und fanden einen Informationsschalter. Die Dame gab sich keinerlei Mühe und erklärte uns in bestem California-Slang, was wir zu tun hätten. Außer einer richtungsweisenden Handbewegung und irgendwas mit "Shuttle" blieben uns keine weiteren Anhaltspunkte.

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Hier war einfach die Hölle los! Riesige Limousinen, Unmengen von hupenden Taxis und Bussen kämpften um die besten Plätze vor dem Ausgang. Wir folgten dem Fingerzeig und fanden nach kurzer Zeit jede Menge Kleinbusse mit den Aufschriften derjeweiligen Autovermietung. Das waren also die Shuttels. Aha. Der erste, der kam, war ein Streetliner von Hertz, der uns zur Car Rental Area brachte. Am Schalter erkundigten wir uns erstmal nach den Preisen - für den billigsten Wagen hätten wir ohne Reservierung 333 Dollar pro Woche zu bezahlen. Notgedrungen wollten wir schon buchen, bis ich nach dem Preis mit Reservierung fragte: "129,95 Dollar" war die Antwort. Und unter Reservierung verstand man: Zwei Stunden vorher Bescheid geben. Hier wurde uns erstmal klar, daß in diesem Land einiges etwas anders läuft als in Deutschland.

Zeitsprung: Santa Monica Boulevard, zwei Stunden später. Wir hatten soeben 1,25 Dollar in den Sportscar-Trader investiert, ein dickes Heft mit bebilderten Autoinseraten. Eigentlich wollten wir nur ein günstiges Motel ausfindig machen. Während Thomas hinterm Steuer Ausschau hielt, überflog ich flüchtig ein paar Seiten. Und da! Auf Seite 25 stand eine 200er Heckflosse zum Verkauf. Hellblau.

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"Du, vergiß das Motel, ich glaube, ich hab' eine günstige Flosse entdeckt. Da steht: Innen und außen gepflegt, mit exzellenter Technik. Für 1400 Dollar kann man die mitnehmen. Cash, auf die Hand." "Steht da auch, wo in Los Angeles das Auto ist?", wollte Thomas wissen. "Nee, nur Area Code 818. Das ist auf jeden Fall in Los Angeles. Laß uns doch anrufen", antwortete ich. Und schon an der nächsten Chevron-Station hatten wir die große Auswahl aus sechs Telefonzellen. "Rufst Du an?" - "Nee, Du hast doch sonst so 'ne große Klappe. Außerdem, die Hitze, und dann auch noch Englisch, nee, ruf Du den Herrn an", war sein Kommentar.

Warum auch nicht? So schlimm kann das nicht sein. So steckte ich 25 Cent in den Apparat und wählte die Nummer. Nach den ersten sieben Stellen quäkte es schon in breitem US-Slang aus der Muschel: "May I help you?" Aha, der Operator fragt, ob er mir helfen kann. "Ääh, Entschuldigung", und da hatte ich schon sicherheitshalber eingehängt.

Neuer Versuch. Ich sag' ihm einfach, daß ich mir ein Auto kaufen möchte und deshalb mit dieser Telefonnummer verbunden werden will. Schon summte er wieder: "May I help you?" Also: "I wanna buy a car ..." - "Wir verkaufen keine Autos, ich bin der Operator", tönte es in hastigem US-Englisch aus dem Telefon. Und nochmal: "May I help you?" Mittlerweile war ich klatschnaß, stotterte die Nummer in den Hörer. Erleichtert hörte ich das Klingelzeichen. Thomas lehnte rauchend am Leihwagen und schmökerte mit entspanntem Gesicht im Sportscar-Trader. Der Verlauf des folgenden Telefonats soll hier nicht im Detail wiedergegeben werden - verraten sei nur, daß mir nach Auflegen des Hörers der kalte Schweiß am Körper klebte und daß ich dem Mann am anderen Ende der Leitung unser Kommen ankündigte.

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Ich war wieder auf dem Weg zum Auto, als es diesmal in meiner Telefonzelle klingelte. Gewohnheitsmäßig griff ich zum Hörer: Es war der Operator, der mich auf das Fehlen von insgesamt zwei Dollar in Münzen aufmerksam machte. Ich murmelte etwas von "Falsch verbunden", legte auf und verkroch mich schleunigst in unseren feuerroten Leih-Mercury. Ein schlechtes Gewissen hatte ich aber doch, als Thomas auf den Hollywood Freeway einbog, Richtung Osten. Hoffentlich ruft der Operator jetzt nicht den Besitzer des Mercedes an, schoß es mir durch den Kopf.

"Wie hieß die Straße noch?", wollte Thomas wissen. "Francisquito Avenue in West Covina", murmelte ich hinter einem Wust von Papier hervor. Das Gebiet um Pasadena und Rancha Cucamango war soeben über meinem Kopf zusammengeklappt und hatte sich zwischen Sitzlehne und meinen Rücken geschoben. Auf Long Beach und Santa Ana stand ich mit meinen Füßen und hielt damit den Stadtplan einigermaßen knitterfrei. "Wir müssen vom Rosemead Boulevard über den San Bernardino Freeway immer östlich, bis der 605 River Freeway kreuzt, dann noch 16 kleinere Ausfahrten, anschließend rechts ... – sind höchstens 20 Zentimeter auf dem Stadtplan." Als wir zwei Stunden später den 605 River Freeway kreuzten, erkundigte sich Thomas, ob denn alles seine Richtigkeit habe.

Um überhaupt festzustellen, wo wir uns befanden, vergingen weitere 15 Minuten, bis wir konsterniert herausfanden, daß sich die Distanz erst um rund 15 Zentimeter verkürzt hatte. Mittlerweile war es später Nachmittag geworden, und wir fuhren zehnspurig. Will heißen: Wir standen zehnspurig. Genervt und mit knurrendem Magen setzten wir drei Stunden später den Blinker Richtung Süden. Der Stadtplan glich mittlerweile einer Ziehharmonika, die nach 25 Jahren im feuchten Keller wiederentdeckt wurde. Thomas frotzelte, daß es jetzt wohl keine 20 Zentimeter Francisquito Avenue geben würde. Sein Blick verfinsterte sich, als wir bei Hausnummer 7680 einbogen. Um halb acht erreichten wir bei Nummer 14320 das Dead End dieser Straße. Wir befanden uns in einem anderen Stadtteil. Entzückt von meiner koordinatorischen Glanzleistung zog es Thomas vor, die Kommunikation abzubrechen. Also die ganze Straße zurück in die andere Richtung. Nach zwei weiteren Zentimetern und einer Stunde Fahrtzeit standen wir in stockfinsterer Nacht voreiner 67er Heckflosse. Nach mehrmaligem Klopfen an der Tür des Besitzers erklärte uns der durch das ungeöffnete Mückenschutzgitter seine Abneigung gegen nächtliche Verkaufsaktionen ("Shit","Fuck" et cetera). Unter diesen unwirtlichen Umständen zogen wir es vor, uns in der Nähe ein Motel zu suchen.

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Nach einem üppigen Ham-and-Egg-Frühstück fuhren wir direkt zum Objekt der Begierde zurück. Ein geschwätziger und gut gelaunter Verkäufer (diese Amerikaner!!) schwänzelte wild gestikulierend um den Heckflosser, während wir, ohne ein Wort zu verstehen, überfordert hinter ihm hertapsten. Ein Blick in den Kofferraum und der Griff hinter die Radläufe übertraf die kühnsten Erwartungen rostgeschockter Germanen. Colorverglasung, astreine Türen und makellose Kotflügel taten ihr übriges. Außer der Bemerkung "Den nehm' ich mit" war verhandlungstechnisch nichts mehr zu erwarten. Thomas dachte, ich drehe jetzt völlig durch.

Als der Besitzer zur Probefahrt einlud, hatte ich bereits die Schecks gezückt. Mit einem weiteren, fiebrigen "Den nehm' ich mit" unterstrich ich meine überragende Verhandlungstaktik. Was denn unter dem Zusatz "obo" zu verstehen sei, war das einzige, was mich zu diesem Zeitpunkt noch interessierte. Thomas vermutete etwas wie "opportunity" und sagte: "Es könnte sowas wie günstige Gelegenheit bedeuten".

Hochgeladenes Bild Auch der vierte und bisher letzte Teil endete mit den Worten "Fortsetzung folgt" – dieses Versprechen sind wir Ihnen bis heute schuldig...

Irgendwas am Armaturenbrett hatte ihn schon die ganze Zeit irritiert. Dann schien er es entdeckt zu haben: ein Diesel-Starterknopf! Ich hatte mittlerweile den Kaufvertrag in der Hand, als er mich auf diese Veränderung der Tatsachen hinwies. Ein Diesel! Im Land der Achtzylinder! "Kauf ich trotzdem", antwortete ich, saß schon hinterm Steuer, und ließ trotz 35 Grad im Schatten mehrere Minuten vergehen, bis ich den Selbstzünder zum Nageln brachte. Am Hotel angelangt, erkundigte sich Thomas, ob er auch so exzellent fahre wie beschrieben. Die Erkenntnis, daß die Bremsen fest waren und die Automatik aus dem allerletzten Loch pfiff, kostete ihn einige Tequilas und mich zwei Beruhigungstabletten.

Einige Tage später erfuhren wir auch die exakte Definition von "obo". Woher soll ich auch wissen, daß "or best offer" schlicht Verhandlungssache bedeutet?

Fortsetzung folgt

Die Teile 2 bis 4 der irren Mercedes-Odyssee im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bieten wir Ihnen hier zum Gratis-Download im PDF-Format (die Download-Links finden Sie am unteren Ende der Seite) an. Wir wünschen viel Vergnügen!

Das Beste aus 40 Jahren

Wir meinen, das ein Wiedersehen mit einigen unserer Storys Freude machen kann. Dieser Artikel stammt aus OLDTIMER PRAXIS 10/1991. Die bisher erschienenen Artikel finden Sie hier – weitere sind bereits in Planung. Schauen Sie doch ab und zu mal wieder vorbei!

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