Jugendprojekt des Mercedes-Benz R/C 107 SL-Clubs

V8 für U 30

Manchmal hat man einfach Glück. Oder - in diesem Fall – die Sterne stehen günstig. Hanna Roses Sterne standen im Winter 21/22 ziemlich gut. Die damals 21-jährige Physikstudentin aus Backnang bei Stuttgart „mit Freude an alten Dingen“, wie sie es selbst beschreibt, mochte nicht nur als Kind die Basteleien an Vaters Märklin-Eisenbahn, sondern mag später auch als junge Frau alte Technik. Auf Oldtimer-Treffen im Umland beginnt sie sich in alte Mercedes-Cabrios zu verlieben, W111, Pagode, 107er in allen Ausbaustufen. Sie recherchiert die Technik hinter Chrom und Lack, wann sie gebaut wurden und was sie heute kosten. Ziemlich ernüchternd, den selbst der preiswerteste US-107er ist für eine Studentin unerschwinglich, von teuren Folgekosten und Unterhalt ganz abgesehen. Doch Hanna bleibt dran, erfährt vom 107er-Club und regionalen Stammtischen, Gönnt sich 65 Euro Jahresbeitrag und ist drin, in einer völlig neuen Welt der alten Dinge.

Hochgeladenes Bild Die damals 21-jährige Hannah Rose beschrieb sich selbst als Person "mit Freude an alten Dingen". Das Fahren mit dem mittlerweile selbst als "alt" geltende 107er konnte also Freude bereiten. Schrauben gehört auch dazu. CLub-Mitglieder bieten in Werkstätten Hilfe und Zugang zur Technik.
Interesse? Wenn Sie unter Dreißig sind und Interesse am Projekt haben oder gerne den einen 107er pilotieren wollen, finden Sie alle wichtigen Informationen HIER...

Ein günstiger Sternenstand auch für den SL-107er Club, dessen Vorstand da bereits über Statistiken brütete und feststellte, dass sich seit der Gründung im Jahr 1990, - der 107er noch im Gebrauchtwagenstatus – der Altersdurchschnitt im Club von 40 auf 62 Jahre verschoben hatte. „90 Prozent unserer Mitglieder sind heute älter als 50 und gerade mal ein Prozent noch jünger als 30 Jahre“, ermittelte Präsident Günter Hoferer. Es war klar, dass der Club sich etwas überlegen musste, um bei jungen Leuten Interesse an diesen Autos zu wecken. Oder lebendig zu halten, wie bei Hanna. „Wir müssen für Jüngere die Möglichkeit schaffen, einen SL überhaupt erst mal erleben zu können, ihn ohne teure Folgekosten fahren,“ beschreibt Ralf Cyriax, Vizepräsident, Technikvorstand und forthin Jugendbeauftragter des Clubs, die Ausgangslage im Winter 2021/2022.

Hochgeladenes Bild Das Durchschnittsalter der Clubs steigt. Wen wundert's? Ist der schicke SL heute selbst als verschlissener Re-Import noch vier bis fünfmal so teuer wie ein bei Youngsters eher angesagterer 190er „Baby Benz“ oder eine ausgeblichene C-Klasse, auf die Hanna notgedrungen ausweicht.

Bald stand der Plan: Einen preiswerten SL anschaffen,

fahrtüchtig herrichten, anmelden, versichern und dann per Losverfahren jungen Interessenten für ein Vierteljahr kostenlos zur Verfügung stellen. Sie könnten in der Zeit unbegrenzt damit unterwegs sein, müssten lediglich für Sprit und im Schadensfall für den Selbstbehalt der Vollkasko geradestehen und bei gelegentlichen Promo-Veranstaltungen damit aufkreuzen und – bei Interesse – für anstehende Instandsetzungen an Schrauber-Wochenenden mitarbeiten. Einzige Bedingungen: Nicht älter als Dreißig und ein Jahr Mindestmitgliedschaft im Club. Ein stolzer 5400 Mitglieder starker Club mit seinen Verbindungen in die Szene sollte in der Lage sein, so ein Projekt zu stemmen, war sich Cyriax sicher. „Natürlich ist ein 107er als Einstiegs-Oldtimer für U-30-Kandidaten nur bedingt ideal“, wie er zugibt, „aber als Typen-Club haben wir da keine Wahl.“ Eine Mitgliederversammlung nickte das Projekt ab, zwei sparsame Pandemiejahre hatten für genügend Rücklagen gesorgt. Der anzuschaffende SL sollte im mittelprächtigen „Dreier-Zustand“ sein und durch gemeinschaftliche Eigenleistungen aufbereitet werden. Experten gab's im Club ja genug. Cyriax war sich sicher, damit kein Clubvermögen zu verschleudern, sondern die Investition bei einem späteren Verkauf wieder einzuspielen.


Nach intensiver Suche fand sich bei einem Händler für 24.000 Euro ein rostfreier 560er aus den USA mit 100.000 Meilen (?) auf dem Zähler. Mit 5,5-Liter-V8-Maschine und 231 PS die maximale amerikanische Ausbaustufe und nicht gerade ein Sparwunder sowie einer Mängelliste, lang wieder Mississippi. Egal, für die geplanten Gemeinschafts-Schraubereien gerade recht. Ein Club-Mechaniker überholte wie Bremsen, der TÜV nickte die allgemeine Fahrsicherheit und Ralf Cyriax suchte eine Versicherung: „Extrem schwierig, denn wir hatten nur Malus-Punkte: Wechselnde Fahrer, alle jung, keine Garagen…“, erinnert er sich. Doch auch hier half die Club-Verbindungen. Alles Technische würde bei Bedarf in der Schrauber-Allianz geregelt werden „Ziel war, den jungen Leuten zu zeigen, dass in einer Vereinsgemeinschaft auch so ein aufwendiger Oldie beherrschbar bleibt, niemand mit seinen Problemen alleine dasteht und am Ende teuren Werkstätten ausgeliefert ist“, erklärt Präsident Hoferer das von der Generation Z oft etwas überkommen empfundene Thema „Verein“.

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Im Frühjahr 2022 ist der feuerrote 560 SL namens „JR“ startklar (In Erinnerung an SL-Fahrer Bobby Ewing in „Dallas“, wie Hanna als Fan alter „Dallas“-Serien wusste. Aufs Nummernschild passte aber nur die Initialen des Widersachers „JR“.) Nun galt es auf Teilnehmer-Suche zu gehen. Neben der Mundpropaganda sollten Oldtimermessen und Veranstaltungen zur Akquise genutzt werden Also wurde der funkelnd polierte „JR“ erstmals im März 2022 an der Clubstand der Retro Classic in Stuttgart gerollt und Bewerbungsunterlagen an interessierte Youngsters verteilt. Logisch, dass Hanna Rose den Reigen der Gastfahrer eröffnet. Im Frühjahr 2022 übernimmt sie „JR“ und genießt den Frühling auf den kleinen Sträßchen ihrer Heimat. „Ich konnte es kaum fassen, so ein Auto drei Monate fast so etwas wie selbst zu besitzen.“ erinnert sie sich. Sie findet sich schnell ein, kurvt mit dem Benz viele 1000 Kilometer über die Kleinststraßen ihrer Heimat. „Es war genau so schön, wie ich es mir vorgestellt hatte.“ Sie feiert ihren 23. Geburtstag darin, repräsentiert bei Veranstaltung, wird so etwas wie die Jugend-Botschafterin des Projekts. Und sie bringt ihre technischen Kenntnisse aus der Märklinzeit ein, installiert ein DAB+ Radio samt Lautsprecher und USB-Anschlüssen für moderne Handynutzung und Navigation. Denn Hanna kann löten und verkabeln, wie sich herausstellt. Der Club-Vorstand ist bester Dinge, die elegante junge Frau ist quasi eine Traumbesetzung für den Projektstart.

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Nach drei Monaten übergibt sie die Schlüssel an Felix Brändle, 21, der quasi von der entgegensetzt Seite des Spielfelds stammt. Ein angehender Mechatroniker einer Mercedes-Werkstatt im Raum Ravensburg erfährt auf der Messe Friedrichshafen von dem Projekt, gewinnt das zweite Los und spult begeistert die nächsten 5000 Kilometer auf dem Tacho des SL. „Die Eltern haben ab und zu mal eine Tankfüllung spendiert“, lacht er. Felix wiederum hilft bei technischen Verbesserungen und wird nächster Repräsentant. Im Spätsommer fährt er „JR“ zu den „Schönen Sternen“ nach Hattingen im Ruhrgebiet, informiert dort neue Interessenten über das Projekt, arbeitet zusammen mit Hanna bei Fotoshootings mit. „Es ist nicht nur das Auto, sondern es sind auch die ganzen Kontakte, das Umfeld, das man kennenlernt.“ Auf dem Land mit zwei Brüdern aufgewachsen, entstand Felix‘ Oldie-Begeisterung früh beim Schrauben an ausrangierten Traktoren und Mofas, später möbelte er mit seinem Bruder einen ausgemusterten 200-Euro-für heimliche Offroad-Ausflüge auf. Inzwischen fährt er einen 190er, doch der 107er ist „ein echtes Traumauto“, für ihn nur noch übertroffen vom Flügeltürer 300 SL. Von Felix Brändle geht „JR“ direkt weiter zu Felix Schuler. 22 Jahre alt, Industrieelektriker und eingeschworener V8-Fan. Allerdings eher modern und amerikanisch orientiert, bevor sein Arbeitskollege Ralf Cyriax ihn auf sein 107er-Projekt hinweist. Felix gefällt die Idee, lässt sich ein, wird Clubmitglied und fährt drei Monate 560er. Denn es ist Teil des Deals, die Gemeinschaft ohne Angabe von Gründen nach einem Jahr wieder verlassen zu dürfen. „Uns geht es darum, jungen Leuten einmal ein Oldtimer-Gefühl zu geben. Ganz egal, was später daraus wird, ob sie dann R4, Käfer oder Ford Mustang fahren. Ich bin ich sicher, da bleibt was hängen. Unter Umständen entscheiden diese Menschen später in Gemeinderäten oder politischen Gremien über Oldtimer-Belange und wissen dann, worum was es geht,“ erläutert Club-Präsident Günter Hoferer den weiteren Sinn solcher Kurzzeit-Partnerschaften. Tatsächlich ist bei Felix Schuler nach drei schönen Monaten und 6500 Kilometern, in denen er JR um eine elektrische Antenne bereichert und selbst kurz von einem gerissenen Lichtmaschinen-Keilriemen gestoppt wird, die Oldtimerei zu Ende und er wechselt in einen Ford Mustang von 2016.

Hochgeladenes Bild „Die Eltern haben ab und zu mal eine Tankfüllung spendiert“, lacht er. Felix wiederum hilft bei technischen Verbesserungen und wird nächster Repräsentant. Im Spätsommer fährt er „JR“ zu den „Schönen Sternen“ nach Hattingen im Ruhrgebiet, informiert dort neue Interessenten über das Projekt, arbeitet zusammen mit Hanna bei Fotoshootings mit. „Es ist nicht nur das Auto, sondern es sind auch die ganzen Kontakte, das Umfeld, das man kennenlernt.“
Tabea Menzel aus Ulm zieht im Sommer Frühjahr 2023 das Los Nummer vier. Wie Vorgängerin Hanna erscheint sie im eleganten Spitzenkleid, doch der erste Eindruck täuscht. Tabea ist Mechatronikerin bei Mercedes Benz, „liebt das Schrauben über alles, scheut keinen Dreck und steckt gerne kopfüber in einem Motorraum.“ Ihre Mutter, mit einem SLC Mitglied im Club, erzählte ihr von dem Projekt. Auch wenn die 22-jährige sich im Grunde eher für moderne Fahrzeuge und künftige Entwicklungen interessiert und inzwischen im zweiten Semester Fahrzeugtechnik studiert, „war die Erfahrung mit dem alten SL schön und wertvoll“, schwärmt sie. „Ich habe von den Club-Leuten viel über alte Technik gelernt. Aber auch die Reaktionen, die man als junges Mädel in so einem Auto erntet, waren irre.“ Tabea revanchiert sich, postet ihre Auftritt mit JR auf Instagram. Der Verbrauch des Boliden strapaziert auch ihr Budget, und sie belässt es eher bei Wochenend-Ausflügen in ihrer Heimat. „Auf kleinen Straßen macht der auch am meisten Spaß.“

Hochgeladenes Bild Tabea Menze aus Ulm zog Los Nummer 4, und griff damit als nächste ins SL-Volant

Mit Carl-Philipp Kress aus der Rhön, 21, kommt im Spätsommer 2023 der fünfte Jugendfahrer ans Steuer des SL. Als erster Teilnehmer bringt er schon 107er-Erfahrung mit. Als Halbwüchsiger beobachtete er Jahre zuvor die Erlebnisse seines Vaters, der nach einer Blindersteigerung eines frühen 350ers das komplette „Unerfahrener-Einsteiger-kauft-Oldie“-Drama erfahren musste. „Ich fasste mir damals an den Kopf, wie man sich freiwillig so etwas antun kann“, gibt er heute zu. Doch dafür durfte er bereits mit 17 als Fahranfänger direkt ans Steuer des Oldies. Vater hatte zwischenzeitlich einen moderneren 560 aus den USA gekauft. „Es war echt lässig und vertrauensvoll, mich im Begleiteten Fahren direkt ans Steuer seines Oldies zu lassen.“ Doch ohne viel Fahrerfahrung kämpfte Carl-Philipp anfangs ziemlich mit dem wogenden Schiff: „Vor allem das Lenkspiel war extrem gewöhnungsbedürftig. Ich brauchte auf Kurvenstrecke volle Konzentration.“ Die Lehren der Fahrschule, sich stets möglichst in der Mitte der Fahrspur zu bewegen, wird schnelle blanke Theorie. Dennoch kriegt er Spaß an der Sache, fährt mit „JR“ zu einem Fahrsicherheitstraining an den Nürburgring, zu den Schönen Sternen nach Hattingen und einem Schrauber-Treffen nach Oberbayern. Dort gräbt er sich gemeinsam mit seinem Vater durch den SL, demontiert das Armaturenbrett und erneuert Heizungsschläuche und Tempomat-Steuergerät, baut die Sitze aus und repariert Polsterung und die Schienen. Doch auch Carl wird diesen Winter wieder in seine A-Klasse wechseln, für einen Oldie fehlt das Geld. Doch er hat viel gelernt: Unter anderem, dass ein Oldie mit Club-Unterstützung kein Fass ohne Boden werden muss, wie sein Vater es erlebt hatte. Im Grunde genau das, was der SL-Club erreichen wollte.

Hochgeladenes Bild Als fünfter Vertreter der Jugend übernimmt Car-Phillip Kress den SL im Spätsommer 2023

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