Retro Classics Essen 2026

Essen frisch serviert

Die erste Retro Classics Essen war mit Spannung erwartet worden, trat die Messe vom 8. bis 12. April doch in die großen Fußstapfen der Techno-Classica, die seit 1989 die internationale Oldtimer-Szene ins Ruhrgebiet lockte, ohne dabei auf Lokalkolorit zu verzichten. Was war geblieben, was war neu?

Wer die Retro Classics Essen zur Premiere über Halle 3 betrat, fand zunächst Vertrautes vor: dicht an dicht die Stände namhafter Händler, etablierte Klassiker, flankiert von Youngtimern und einer Phalanx moderner Super- und Hypercars. Selbst Exoten wie der brandneue HWA Evo, die Kohlefaser gewordene Neuinterpretation des Mercedes 190, fügten sich ins Bild. Auch Vorkriegsklassiker fehlten nicht – Maybach SW 38, Tatra 87, dazu Bentley und Lagonda, teils mit dem Namenszusatz „Special“. Erst beim zweiten Blick fiel manchen besonders aufmerksamen Besuchern auf, was fehlte: der Teppich in den Gängen – 2026 wandelte man in Essen auf nacktem Hallenboden.

Wer die insgesamt 36. Oldtimermesse wie gewohnt über den Eingang Süd zu Halle 1 betreten wollte, stand dagegen vor verschlossenen Türen. Keine Sparmaßnahme, sondern Kalkül: Die Messemacher Henning und Thilo Könicke wollten die Besucherströme mit nur zwei statt drei Eingängen lenken, ihnen eine Richtung geben – Ergebnis ihrer jahrelangen Erfahrung vor allem mit Verbrauchermessen.

Durch den verschlossenen Eingang lag Halle 1 allerdings etwas im Abseits – dass erlebte auch das OLDTIMER-MARKT-Team. Von wenigen Ausnahmen abgesehen prägten Mercedes-Benz- und BMW-Clubs die Halle. Die meisten Händler waren in Halle 3 umgezogen.

Auch andernorts merkte man den frischen Wind: Halle 5, die lange das Herzstück der Messe gewesen war und die der Pavillon des Techno-Classica-Machers S.I.H.A. dominierte, war diesmal fest in der Hand von Vereinen und Interessengemeinschaften. Die meisten Clubs nahmen dieses neue Konzept positiv auf – viele hatten sich in der Vergangenheit ein wenig an den Rand gedrängt gefühlt, nun rückten sie gleich in mehreren Hallen sichtbar ins Rampenlicht.

Tatsächlich wollen die Veranstalter den Fokus mehr auf die Clubs richten. Die Retro Classics Essen soll nicht in erster Linie als erweitertes Schaufenster des Klassikerhandels wahrgenommen werden, sondern als Szenetreff, weshalb es Raum für diejenigen gab, die die Oldtimerei mit Leben füllen – die Clubs eben.

Dabei handelt es sich natürlich um eine Mischkalkulation: Clubs bekommen traditionell die Fläche gratis und zahlen allenfalls Nebenkosten wie Strom oder Teppichboden. In diesem Zusammenhang verteidigen die Könickes auch branchenfremde Aussteller – etwa mit Leckereien oder Whirlpools. Deren Präsenz finanziere die Clubstände mit. So manche Freifläche, breite Gänge oder ein bisschen zu großzügig abgestellte Autos zeigten, dass die Messemacher gerne noch mehr Clubs willkommen geheißen hätten.

Zufriedene Gesichter also bei den meisten Hobbyisten – das Resümee der professionellen Händler fiel gemischt aus, zumal es ein Getuschel über unterschiedliche Konditionen für vergleichbare Standflächen gab. Besonders gefragt waren Sportwagen, und im gehobenen Preissegment erwies sich Ferrari einmal mehr als sichere Bank mit einem 275 GTB für 2,2 Millionen Euro als teuerstem kommunizierten Verkauf. Auch das kostspieligste Auto der Retro Classics Essen kam aus Maranello: ein grauer 250 GT SWB, angesiedelt jenseits der sechs Millionen Euro.

Aber nicht nur Sportwagen: Auch fair bepreiste Liebhaberstücke im Preissegment unter 30.000 Euro fanden häufig neue Besitzer. Gut war auch das Angebot an Survivor-Fahrzeugen mit niedrigen Laufleistungen aus den Achtzigern und Neunzigern, darunter Autos wie der Toyota Camry. Die damals alltägliche Limousine wird inzwischen als Skurrilität wahrgenommen.

Ein bekannter deutscher Händler, der vor allem Fahrzeuge im siebenstelligen Bereich anbietet, sprach von einem enttäuschend schwachen Mittwoch und war mit seiner Meinung nicht allein. Früher wurden an diesem Tag oft schon die ersten Verträge unterzeichnet. Zwar habe es am Donnerstag einige vielversprechende Gespräche gegeben, tatsächlich verkauft wurde auf der Messe jedoch keines seiner Autos.

Dass potenzielle Käufer bei derart hohen Investitionen inzwischen zurückhaltender agieren, überrascht angesichts der wirtschaftlichen Lage nicht. Die Zeiten schneller Abschlüsse aus Angst, am Ende leer auszugehen, scheinen vorbei zu sein. Hinzu kommen die Skandale um gefälschte oder manipulierte Spitzenfahrzeuge: Käufer ziehen heute deutlich häufiger unabhängige Experten zu Rate – und diese treten natürlich erst nach der Messe auf den Plan.

Und wie sah es am anderen Ende der Preisskala aus, also bei Ersatzteilen und Automobilia? Modellautos und Literatur gab es reichlich, das Sortiment an Ersatzteilen war überschaubar. Ein Teilehändler mit klassischem Angebot wie Beleuchtung und Elektrik beklagte das fehlende Kaufinteresse und erzählte, kurz zuvor bei einer eintägigen Veranstaltung in den Benelux-Ländern den gleichen Umsatz erzielt zu haben wie in den ersten zweieinhalb Tagen in Essen. Wenden sich etwa Teile der Szene von Essen ab, ganz unabhängig davon, wie die Messe nun heißt? Oder wurde einfach nicht genug in der Werbetrommel gerührt? Spezialisierte Dienstleister jedenfalls, etwa für Vergaser, Motoren oder Fahrzeugbewertungen, sagten, deutlich weniger Fachgespräche mit Besuchern geführt zu haben als erwartet.

Qualitativ gut, wenn auch etwas zu großzügig präsentiert, waren die Sonderschauen zu 100 Jahren Bugatti Royale und 90 Jahren BMW 328. Die Alt-Opel IG feierte mit Hilfe von Opel Classic gleich mehrere Jubiläen, darunter den Gewinn des ITC-Titels mit dem Calibra vor 30 Jahren. Eine Ausstellung rund um Lackierungen im Motorsport musste kurzfristig abgesagt werden, da ein großer Leihgeber einen Rückzieher machte.

Schade auch, vor allem angesichts des guten Wetters: Die Freiflächen zwischen den Hallen blieben quasi völlig ungenutzt, der private und semiprofessionelle Fahrzeugmarkt verteilte sich auf mehrere Hallen. Insgesamt dürften knapp 100 Fahrzeuge auf diesen Flächen zum Kauf gestanden haben. Unter anderem hier wollen die Veranstalter nachbessern und womöglich auch ein Oldtimer-Treffen ausrichten, um Besucher zu motivieren, mit dem eigenen Klassiker anzureisen.

Ganz klar: Wer die Techno-Classica in ihrer Hochphase vor der COVID-19-Pandemie erlebt hatte, als sich die Hersteller mit teils riesigen Messebauten gegenseitig zu übertrumpfen versuchten – etwa die VW-Marken oder Mercedes-Benz –, war zwangsläufig enttäuscht. Der Fokus der Hersteller hat sich verschoben; und viele Händler merkten, dass sie auch ohne teure und arbeitsintensive Messeauftritte Käufer finden. Dass die fetten Jahre zumindest in Deutschland vorbei zu sein scheinen – Paris und Bologna vermelden immer neue Besucherrekorde –, bestätigt die Besucherzahl von 65.500, mit der sich die Veranstalter zufrieden zeigten. Die Retro Classics Stuttgart hatte im Februar 83.000 Besucher gezählt.

Auf ihrem Höhepunkt hatte die Techno-Classica mehr als dreimal so viele Gäste kommuniziert. Doch in diesem Jahr gab’s nicht die 36. Oldtimermesse in Essen, sondern die erste Retro Classics Essen und natürlich ist noch jede Menge Luft nach oben. Womöglich wäre es sinnvoll, künftig zu einem bestimmten Zeitpunkt zu entscheiden, eine oder vielleicht sogar zwei Hallen gar nicht erst zu öffnen – um Leerstände zu vermeiden und insgesamt eine dichtere, stimmigere Atmosphäre zu schaffen. Metaphorisch gesprochen: Möbel, die eine 80-Quadratmeter-Wohnung gemütlich machen, wirken in einem doppelt so großen Apartment schnell verloren und wenig einladend.

Überhaupt wurde nicht an Kritik gespart, auch nicht seitens der Besucher, die für 29 Euro Eintritt oft mehr erwartet hatten. Nun ist es am Veranstalter, daraus positive Lehren zu ziehen, damit Essen eine Messe bleibt, die das komplette Spektrum der Szene würdig vertritt – möglichst international und doch mit einem Hauch charmanten Lokalkolorits.